Schlesiche Zeitung 1887

This is most likely the author of this article: Eduard Zacharias, 1852-1911, biologist and professor in Strassburg and Hamburg.

[1]Das Körpergewicht bei Kindern.[2]

 

Bisher sind Wägungen an Kindern und Erwachsenen hauptsächlich nur zu dem Zwecke vorgenommen worden, um festzustellen, ob der Ernährungsproceß  der betreffenden Personen in ungestörter Weise vor sich gehe. Steigende Gewichtszunahmen pflegt man von diesem Gesichtspunkte aus als ein günstiges Zeichen zu betrachten, während Abmagerung darauf schließen läßt, daß der Verdauungsvorgang durch irgend eine Ursache beeinträchtigt werde. Dergleichen Einzelwägungen haben also ein vorwiegend praktisches Interesse und sind dazu geeignet, den Arzt über den Ernährungszustand eines Kranken oder Genesenden zu informiren.  Im Zusammenhang mit dem segensreichen Institut der Feriencolonien  werden Wägungen an Kindern vor und nach dem Genuß der vierwöchtigen Sommerfrische vorgenommen, um festzustellen: ob letztere überhaupt etwas, und eventuell: wieviel sie genützt hat. Auf solche Art gewann Dr. V a r r e n t r a p p[3] das Resultat, daß Kinder aus Düsseldorf, wenn sie während der Ferien aufs Land geschickt werden, je um 4½ Pfund zunehmen, Kinder aus Köln hingegen um 9-10 Pfund, und wieder andere nur um einzelne Pfunde. Solche ad hoc gewonnene Ergebnisse eröffnen jedoch keine weiteren Ausblicke; sie orientieren den Arzt lediglich über den sanitären Werth der verschiedenen zur Sommerfrische benußten Örtlichkeiten und über den körperlichen Zustand der einzelnen Pfleglinge. Allenfalls ließe sich durch Vornahme einer größeren Anzahl solcher Einzelwägungen ein ziffernmäßiger Ausdruck für das Durchschnittsgewicht von Kindern einer bestimmten Altersklasse ermitteln, mit dem man gegebenen Falls die Körperschwere eines einzelnen Individuums vergleichen könnte.  Der Belgier Q u e t e l e t[4] , der Amerikaner  B o w d i t c h[5]  und der Italiener  P a g l i a n i[6]  haben in der That solche Untersuchungen angestellt, aber die Ergebnisse derselben sind nur von Werth unter der Voraussetzung, daß Kinder von einem  bestimmten Alter zu jeder Jahreszeit das durchschnittlich  gleiche Gewicht besitzen. Bestätigt sich diese Annahme nicht, so kann auch von einem Normalgewicht im Sinne der obengenannten Forscher nicht die Rede sein.

 

Um Wägungsresultate von weittragenderer Wichtigkeit zu erhalten, dazu bedurfte es eines anderes Verfahrens, und zwar eines solchen, welches die Möglichkeit in Erwägung zog, daß die Gewichtszunahme jugendlicher Organismen  periodischen Schwankungen unterworfen sein könnte. Dieser Gedanke stieg nicht im Geiste eines Naturforschers von fach auf, sondern indem eines Geistlichen, namens R. M a l l i ng – H a n s e n  zu Kopenhagen. Dieser scharfsinnige Mann kam auf die Idee, Massenwägungen von Kindern anzustellen, weil er sich sehr richtig sagte,  daß er auf diese Weise ein Ergebniß erhalte, welches von den Zufälligkeiten und störenden Nebenumständen, die bei Einzelwägungen unterlaufen können, frei sein müsse. Eine Menge Kinder auf einmal zu wiegen und diese Wägungen ein volles Jahr hindurch täglich vorzunehmen – daß war ein fruchtbarer Gedanke und zugleich auch das Mittel, um gewisse Gesetzmäßigkeiten ausfindig zu machen, zu deren Erkenntniß  man durch die experimentelle Ernährungsphysiologie allein nicht hätte gelangen können. Glücklicherweise war Pastor Malling-Hansen Vorsteher eines Kinder-Internates in der dänischen Hauptstadt, und so hatte er Gelegenheit, innerhalb seiner eigenen Domäne die bewußten Massenwägungen zu veranstalten.  Hierzu kam noch der große Vortheil, daß er mit 130 ganz gleichmäßig ernährten Kindern operirte, also mit einem Beobachtungsmaterial, wie es nicht günstiger gewünscht werden konnte. Pastor Malling verfügte über 72 Knaben und 58 Mädchen. Hauptsächlich hat er aber seine Versuche mit den Knaben angestellt. Ehe die ersten Beobachtungsresultate publiziert  wurden, vergingen zwei Jahre. Gegenwärtig  ist Malling-Hansen mit Fortsetzung seiner Wäge-Experimente und mit der Bearbeitung  seines enormen statistischen Materials beschäftigt. Die betreffenden knaben werden täglich vier Mal (jedes Mal in vier Abteilungen) auf einer Centesimaalwage[7] gewogen. Monatlich wird auch ein Mal das Gewicht jedes einzelnen Kindes festgestellt. Dies ist umständlicher und dauert 2½ Stunden.  Außerdem findet täglich eine Größenmessung sämmtlicher 130 Zöglinge des Instituts (vormittags 9 Uhr) statt.

 

Auf solche Weise hat Pastor Malling-Hansen tausende und aber tausende von ziffermäßigen Angaben erhalten, denen wir höchst werthvolle Aufschlüsse  über den Rhythmus des Wachsthums  bei jugendlichen menschlichen Individuen verdanken. Unter Benutzung der heute in der Wissenschaft üblichen Methode der graphischen Darstellung har der dänische Forscher die jährlichen Gewichtsschwankungen in Form einer Curve mit zahlreiche Hebungen und Senkungen veranschaulicht, deren nähere Besichtigung außerordentlich  instructiv ist.  Zuerst stellt jene Wellenlinie  die Thatsache vor Augen, daß das Wachsthum der Kinder im Jahreslaufe nicht nach einer geraden, gleichmäßig ansteigenden Linie geschieht, sondern daß die Größsen- und Dickenzunahme vielmehr in den verschiedenen Monaten eine sehr verschiedene ist. Dieses Factum ist durch vierjährige, tagtäglich  wiederholte Beobachtungen fest begründet. Die bezüglichen Schwankungen sind aber zweifacher Art: die eine Gruppe derselben ist mit den Jahreszeiten verknüpft; die andere hingegen setzt sich – unabhängig von den Jahreszeiten – das ganze Jahr hindurch fort. Malling-Hansen fand nun, daß dieselbe drei Hauptthatsachen zum Ausdruck bringe:  1) die, daß der Größezuwachs am kindlichen Körper sich am lebhaftesten von Mitte April bis in den August hinein vollzieht, wobei aber die Kinder  erheblich an Gewicht verlieren. Die jährliche Maximalperiode der Größe fällt mit der Minimalperiode des Gewichts zusammen;  2) ergab sich, daß in der Zeit vom August bis December  die größte Gewichtszunahme zu constatiren ist, wogegen zu gleicher Zeit der Höhenwuchs seine Minimalperiode hat; 3) trat hervor, daß die Kinder im December bis gegen den April an Gewicht wieder schwächer zunehmen, während der Höhezuwachs ebenfalls weit geringer ist als in der Maximalperiode der Größenzunahme.  In die jährliche Periode der bedeutendsten Größenentwicklung fällt demnach die Ruhezeit der Gewichtssteigerung , und genau so verhält es sich umgekehrt: in die Maximalperiode der Gewichtszunahme fällt die Ruhezeit des Größenwachsthums.  Die oben erwähnte zweite Gruppe der Gewichtsschwankungen , die von den Jahreszeiten  unberührt bleibt und sich im Laufe der Jahre als gleichförmig erweist, stimmt im höchsten Maße mit den örtlichen Schwankungen der atmosphärischen Wärme überein. Ein Steigen der Lufttemperatur von - 4° auf - 3° oder von + 13° auf +14° ist stets von einem entsprechenden Steigen in der Gewichtszunahme der Kinder begleitet. Umgekehrt entspricht einem beliebigen Fallen der Wärme, sei es im Winter oder im Sommer, ein gleichzeitiges Zurückgehen der Gewichtszunahme oder sogar ein Gewichtsverlust. Speciellere Ermittelungen haben ergeben, daß eine Abnahme der Wärme um 2° in der Durchschnittstemperatur von 5 Tagen zu derjenigen der  nächsten 5 Tage von einer Abnahme der Gewichtsvermehrung bis zu einem Neuntel begleitet wird. Hingegen wird eine Wärmesteigerung von 3° (von der mittleren Temperatur von 5 Tagen bis zu der der nächsten 5 Tage) von einer dreizehnfach erhöhten Steigerung der Gewichtsvermehrung begleitet.  Geringere Wärmeschwankungen haben auch entsprechend geringere Gewichtsvermehrungen zur Folge.

 

Hieraus ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit der Satz: daß ein Jahr mit vielen Wärmeveränderungen der normalen Gewichtsvermehrung der Kinder weit ungünstiger sein werde als ein solches mit wenigen derartigen Schwankungen. Eine Reihe von mehreren in  dieser Hinsicht ungünstigen Jahren wird mehrere Jahrgänge von minder kräftigen Kindern ergeben, und umgekehrt. Die Schwankungen der körperlichen und geistigen Kräfte in den wechselnden Generationen wurzeln vielleicht zum Theil in meteorologischen Verhältnissen. Es ist dies ein höchst interessantes Resultat, auf welches man an der Hand einfacher Wägeversuche gekommen ist, und es ist nicht abzusehen, von welchem Nutzen für die Hygiene des Kindesalters dasselbe sein wird, wenn es künstig sich als ganz zweifellos begründet herausstellt. Wollte man aber bereits jetzt auf Grundlage  der durch die täglichen Wägungen erzielten Ergebnisse die Frage darüber aufwerfen, wie die Zeiten der Wärmeabfälle, welche die Hemmungszeiten für die Gewichtsentwicklung der Kinder zu sein scheinen, unschädlich zu machen seien, so müßte als vorläufige Antwort darauf gegeben werden:  Die Bekleidung der Kinder soll zu unterst aus einem aus einem schlechten Wärmeleiter (Wolle oder dgl.) bestehen, welcher Brust, Rücken und Unterleib warm zu halten bestimmt ist.  Ferner soll fein zu großer Unterschied zwischen der Temperatur in den Wohnzimmern und derjenigen, welche im Freien herrscht, stattfinden.  Man vermeide also im strengen Winter die überheizten Zimmer.  Ebenso sorgsam hüte man aber die Kinder davor, daß sie in allzu kalten  Schlafstuben ihrer Nachtruhe pflegen. Eine noch offene Frage, die zur Zeit allerdings nicht wissenschaftlich  beantwortet werden kann, würde die sein, ob es sich empfehlen dürfte, den Kindern in den Perioden, wo die Gewichtszunahme stationär ist, eine besondere Diät vorzuschreiben.  Es liege hier noch manche Probleme verborgen, die im Laufe der Zeit zum Frommen des Allgemeinen Wohles gelöst werden müssen.  Im Hinblick auf die wahrscheinlich gemachte Abhängigkeit des Wachsthums der Kinder von den Wärmeverhältnissen möge noch hervorgehoben werden, daß Gegendem mit großem Temperaturwechsel (zumal wenn derselbe von Tag zu Tage oder von der Nacht auf den Tag folgt) fast durchgehends kleine und nicht sehr kräftige Bewohner haben. Dies wird verständlich, weil unter solchen Verhältnissen das Wachsthum im Jugendalter beeinträchtigt wird.  Hieraus erklärt sich vielleicht auch die die geringe Körpergröße des Milchviehes auf den deutschen Mittelgebirgen, weil dieses ebenfalls schroffen Temperaturwechseln ausgesetzt ist.  Es ist eine landläufige Erfahrung der Baudenbewohner im Riesengebirge , daß die in der Hochgebirgsregion aufgezogenen Kälber niemals dieselbe Größe erreichen wie die unten im Thale geborenen und herangewachsenen Mutterkühe.  Auch Insecten, welche die Gebirgsabhänge bewohnen, erlangen selten die Dimensionen ihrer in der Ebene wohnenden Speciesgenossen.  Das sogenannte Graspferd (Locusta viridissima) ist auf den Wiesen bei Kirche Wang bei weitem kleiner als auf den Feldern in der Umgebung von Hirschberg.

 

Durch eine Statistik der Gewichtsveränderungen des heranwachsenden menschlichen Organismus wird man nach und nach in die Lage versetzt, eine rationelle Grundlage für die Hygiene des Kindesalters zu erlangen, die man bisher nicht besaß. Erwähnt sei nur noch, das die dänische Regierung den Forschungen des Pastors Malling-Hansen sehr sympathisch gegenübersteht und bereits die zu fortgesetzten und erweiterten täglichen Wägungen nothwendigen Geldmittel bewilligt hat[8].  Es werden selbstverständlich  auch außerhalb Kopenhagens in den verschiedensten Anstalten und Instituten Gewichtsbestimmungen derselben Art vorgenommen, um eine möglichst breite Basis für weitere Untersuchungen zu gewinnen.

 

                                                                                            Dr. O. Zacharias.

SA: Strangely enough it's not possible to find any information about a Dr. O. Zacharias on the internet, but on the German Wikipedia there is an article about Eduard Zacharias, 1852-1911 who was a biologist and professor in Strassburg and Hamburg. I am personally convinced that this must be the authot of the article in Schlesische Zeitung. I think there has to be a misspelling in the newspaper, and that the correct author should be E. Zacharias.

http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Zacharias

 

 

There is also an article about Schlesische Zeitung on Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Schlesische_Zeitung

 

 


[1] JMC: Ausschreibung von Jörgen Malling Christensen

[2] Nachdruck kann nur unter Zustimmung des Verfassers erfolgen.

[3] JMC: Johann Georg Varrentrapp, 1809-1886, deutscher Mediziner und Chefarzt in Frankfurt am Main. Er erwarb sich große Verdienste als einer der ersten Bahnbrecher für die allgemeine Gesundheitslehre in Deutschland. Durch medizinalstatistische Arbeiten, besonders über die Kindersterblichkeit, hat er seine hygienischen Forderungen zu unterfüttern versucht. Nachdem er sein Amt niedergelegt hatte, wirkte er noch für die Einrichtung der Ferienkolonien, welche  allgemeine Verbreitung gefunden hat.

[4] JMC: Lambert Adolphe Jacques Quetelet, 1796-1874, belgischer Astronom und Statistiker. Einen großen Ruf hatte sich Q. insbesondere durch seine sozialstatistischen und anthropometrischen Arbeiten erworben. In seiner Anthropometrie entwickelt Q.  Körper-Kennzahlen für die „mittleren“ Menschen, von denen der Quetelet-Index (Body-Mass Index) bis heute verwendet wird.

[5] JMC: Henry Pickering Bowditch, 1840-1911, ein US-amerikanischer Physiologe. Er unternahm einen umfangsreichen Studienaufenthalt in Europa, ein Jahr in Frankreich sowie zwei Jahre bei Carl Ludwig in Leipzig. Bowditch war von 1876 bis 1906 Professor für Physiologie an der Harvard University. Seine Studien in Leipzig hatten zur Folge Kontakten mit Ray Lankester, Angelo Mosso, Hugo Kronecker und Carl vor Voit.  Bowditch wurde bekannt für seine physiologischen Arbeiten. Außerdem entwickelte er seine Interesse in Antropometrie und belegte das Nutrition und ökologische Faktoren zur Physiologischen Entwicklung beitragen.

[6] JMC: Luigi Pagliani, 1847-1932,  italienischer Hygieniker und Arzt, der eine wichtige Rolle für die öffentliche Hygiene spielte. Publizierte viele wissenschaftlichen Arbeiten über Hygiene und die Entwicklung des menschlicher Körpers.

[7] JMC: = Eine Art  Brückenwage, d.h. eine Schnellwage für größere Lasten mit einem kurzen und einem längeren Hebelarm, welcher letzter unter die Brücke greift, auf welcher die zu wägenden Lasten ruhen.

[8] JMC: Eine sehr interessante – und auch recht wahrscheinlich - Auskunft, die aber noch nicht dokumentiert geworden ist.

Johann Georg Varrentrapp, 1809-1886, deutscher Mediziner und Chefarzt in Frankfurt am Main
Adolph Quetelet, 1796-1874, belgischer Astronom und Statistiker
Henry Pickering Bowditch, 1840-1911, ein US-amerikanischer Physiologe
Luigi Pagliani, 1847-1932, italienischer Hygieniker und Arzt